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Wow!

Sonia Leimer und Alice Könitz

Dialog zwischen Sonia Leimer und Alice Könitz, mit Texten von Joanna Fiduccia, Andrew Berardini. In englischer Sprache. Herausgeber Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien.
ALICE KÖNITZ Auf einem Dach in Chinatown
 
Ich habe Sonia 2011 bei einer Party auf einem Dach in Chinatown, Los Angeles, kennengelernt. Seitdem haben wir uns an vielen Orten getroffen. Wir sind zusammen mit dem Zug, Boot und Fahrrad gereist und haben viele Museen besucht. Ein paar Tage nachdem wir uns getroffen hatten habe ich ihre Arbeit in einer Gruppenausstellung mit Stephanie Taylor und Barbara Hammer im Schindler House gesehen. Eine Arbeit von Sonia war ein eleganter, minimalistischer, dreiteiliger Raumteiler aus Crashglas, das für Filme verwendet wird in denen Menschen durch Glasscheiben springen. Das Glas hatte eine seltsame, diesige Qualität, der Raum dahinter verwandelte sich in eine unwirkliche, filmische Vision. Man konnte sich in jeden der von jeweils zwei Wänden begrenzten Raum stellen und einen anderen Schauplatz im Galerieraum betrachten. Die Position, die man dabei einnahm, bestimmte den Ausschnitt, den man sehen konnte. Sonias Arbeiten eignen sich Räume an. Sie stellen Beziehungen her zwischen physischen, sozialen und geografischen Orten. Ihre Skulpturen verwenden das spezifische Vokabular des vorhandenen Felds. Das Undefinierte Bauvorhaben wurde normgerecht gebaut und sieht genau aus wie andere unfertige Bauprojekte denen man begegnet. Es ist eine tautologische, sich selbst reflektierende Präsentation eines Treppenaufgangs aus Beton entlang von einem Stück Wand. Der Aufgang führt nach oben, um ebendorthin: nach oben, zu kommen – und nicht um an einen anderen Ort zu gelangen. Man kann die Tautologie als solche wahrnehmen, oder man kann den Ort, den der Aufgang als solches bietet, annehmen um sich dort aufzuhalten und auf das Fußballfeld hinauszuschauen. Der Treppenaufgang, der sich im Hof einer Mittelschule befindet von der ihn das Wandstück abschirmt, bietet auch eine willkommene Pause von der Institution.
 
Für ein anderes Projekt bat Sonia einen Astronauten um eine Widmung für die Bewohner des Gebäudes Vorgartenstraße 122–128, ein großer Wohnkomplex in Wien, sowie darum ein Bild desselben Gebäudes aus dem Weltall aufzunehmen. Die Postkarte mit dem Bild des Erdballs, die der Astronaut ihr schickte, sowie seine berührende handgeschriebene Widmung verwendete sie für eine Tapete, die sie rund um die Briefkästen im Eingangsbereich des Gebäudes tapezierte. Auf die Einladung, ein Werk für eine Koje auf einer Kunstmesse zu machen, antwortete sie mit einem Platzhalter, der vermutlich nur den Platz für sich selbst frei hielt, aber vielleicht auch für etwas anderes, das die Zukunft bringen könnte.
 
Sonias Interesse am Raum reicht vom Asphalt bis zum Weltraummüll. Ihre Arbeiten sind geerdet und mit dem Boden verbunden. Die Vasen aus dem Space Age Zeitalter in Lack of a Proper Word, die einen direkten Blick in die Tiefen von Schwarzen Löchern zeigen, sind beispielsweise mit mit schweren I-Träger-Resten verankert; sogar schwimmende Bootsfender sind mit Betonfundamenten ausgestattet. Alles hat Hand und Fuß, wie die Deutschen sagen. Manchmal scheint der Fuß sich nicht allzu sehr dafür zu interessieren, was die Hand macht. Nein, so stimmt es nicht… der Fuß verankert die Hand im Boden und die Hand, die irgendwo im Raum ist, will zurückkehren und den Fuß berühren. Aber die Umstände sind so kompliziert, dass der Fuß am Ende nicht mehr weiß wie die Hand zurück nach unten gefunden hat.
 
 
SONIA LEIMER Ein Stunt mit Alice
 
Im Sommer 2012 haben Alice und ich uns in Kassel wiedergesehen. Wir nahmen den Zug von Kassel nach Berlin und reisten beide mit falschen Fahrkarten, da wir den günstigeren Regionalzug verpasst hatten. Aus irgendeinem Grund unterbrach niemand unser Gespräch um uns nach unseren Fahrkarten zu fragen. Alice erzählte mir vom Durchqueren der Schneewüsten Lapplands wo sie als Kind zusammen mit ihren Eltern einige Zeit in einem Zelt verbracht hatte. Viele Jahre später landete sie in L.A. wo sie die umliegenden Wüsten erforscht, was mich an diese Kindheitserfahrung erinnert. Dann erzählte mir Alice von ihrem Plan ein kleines Museum in ihrer Einfahrt zu bauen. Mir gefiel die Idee sofort. Es war ihre Antwort auf die Situation in L.A. wo Institutionen nur sehr vereinzelt unetablierte Künstler ausstellen und ein Museum wegen der Finanzkrise fast ganz geschlossen wurde. Ich mochte die Idee, L.A. um ein neues Museum zu erweitern. Es war eine direkte Antwort auf die Verhältnisse vor Ort. Sie zeigt Alices Wunsch und Initiative die Welt und die Gemeinschaft zu schaffen, die sie will, anstatt darauf zu warten, dass das System sich öffnet um Veränderung zu zulassen.
 
Ich sehe ihre Skulpturen als Cut Out Fragmente der Realität. Sie transportieren ein Stück einer Erzählung, die bestimmte Aspekte des Lebens greifbar macht. Ihre WDF Skulptur beispielsweise ist die dreidimensionale Übersetzung eines zweidimensionalen, animierten Logos, das zusammen mit der Kennmelodie im Vorspann der Fernsehnachrichten im Westdeutschland der 1970er Jahre auftauchte. Damals lebte Alice noch in Deutschland. Alle ihre Skulpturen sind mit Momenten des Lebens verbunden, mediale Räume werden gleich behandelt wie historische Räumen oder der gegenwärtige Moment.
 
Ihre Arbeit reflektiert ihre Umgebung; ich nehme an, deshalb verwendet sie so oft Spiegelfolie als Material. Diese sind eine direkte Art Betrachter, Raum und Zeit mit einzubeziehen. Auf diese Weise sind ihre Skulpturen in einem permanenten Zustand der Transformation. Die Skulptur, die sie als Requisite für ihren Film The Premonition gebaut hat, reflektiert die Landschaft, die so visuell zu einem Teil der Skulptur wird. The Premonition ist eine Arbeit, die man sowohl als Performance, als Happening oder auch als Filmdreh lesen kann. Der Plot ist einfach: verschiedene Künstler treffen sich am L.A. River und bilden eine fiktive Gemeinschaft die den Fluss erkundet. Alice entwarf Kostüme, Requisiten, einen Griller und ein Boot. Die Kostüme und Requisiten steuern die Handlungen der Gemeinschaft. Zusammen beobachten sie die Landschaft, entdecken die Natur, die sich in der Skulptur spiegelt, dann legen sie eine Pause ein, grillen vor Ort und am Ende verschwinden sie in dem Boot, das auf dem L.A. River stromabwärts treibt.
 
Alice öffnet Räume um Situationen darzustellen und in Anspruch zu nehmen. Wie in ihrem Beitrag zu Made in L.A. 2014 im Hammer Museum entsteht daraus manchmal auch ein Raum für uns: ihre Freunde. Wir nehmen diesen Raum ein, und spiegeln darin, wie die Spiegelung unserer Gesichter in den reflektierenden Materialien; wir sind die unvorhersehbaren Variablen, die auf Gundulas Schreibtisch sitzen und durch unsere Handlungen eine Erweiterung schaffen.
 
Sprache: Deutsch