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Triedere

Matthias Schmidt
Zeitschrift für Theorie und Kunst (1/2012)
Triëdere versammelt Texte aus Literatur, Theorie und zur bildenden Kunst - zweimal jährlich, gebündelt um ein Thema. Renommierte AutorInnen kommen neben jüngeren zu Wort, Übersetzungen erweitern den Blick.

Als Robert Musil 1926 den erhellenden und verfremdenden Blick auf Alltägliches beschrieb, den wir durch ein Fernrohr, ein Triëder eben, erreichen können, machte er sich keine großen Hoffnungen, dass seine Überlegungen für andere fruchtbringend sein würden: "Auf solche Weise trägt also das Fernglas sowohl zum Verständnis des einzelnen Menschen bei als auch zu einer sich vertiefenden Verständnislosigkeit für das Menschsein. Indem es die gewohnten Zusammenhänge auflöst und die wirklichen entdeckt, ersetzt es eigentlich das Genie oder ist wenigstens eine Vorübung dazu. Vielleicht empfielt man es aber gerade darum vergeblich."
Wohl auch deswegen findet sich kein aufforderndes Rufzeichen hinter dem Titel seines Essays, das so gut zur grammatischen Form des Imperativs gepasst hätte. Stattdessen bleibt der vermeintliche Aufruf mit dem exotischen Klang offen stehen wie eine recht genau umrissene Frage, die sich langsam aber sicher misstraut und sich so gegen sich selbst wendet. An die Stelle des Nachdrucks rückt ein offensichtliches Schwanken, ein Hin und Her zwischen dem "Gewohnten" und dem "Wirklichen".
Dessen ungeachtet wurden die einzelnen Überlegungen des kurzen Textes meist als geschliffene Formulierungen für komplexe Problemstellungen des Schauens, Denkens und Schaffens zitiert. Doch neben der buchstäblichen Aufmerksamkeit für das Kleine und Alltägliche, dem Bestreben, sich aus engen Routinen zu lösen oder der gewitzten Reflexion auf die vielfältigen Medien unserer Wahrnehmung war für die Zeitschrift Triëdere noch etwas inspirierend: das Schwanken als produktiven, experimentellen Raum zwischen Verunsicherung und Beruhigung offen zu halten.
Dieser gemeinsame Nenner von bildender Kunst, Literatur und auch Theorie ist es, den Triëdere zweimal jährlich zur Diskussion stellt. Als konkrete Themenstellungen bieten sich dementsprechend Bereiche und Fragen an, die zwischen den wohlsortierten Ordnungen der Wissenschaften und der Künste liegen. Diese essayistisch abzuschreiten, das Wissen und Staunen immer wieder aneinander in Versuchung zu führen, ist unser Projekt.

 Sprache: Deutsch