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Joan Jonas: Five Works

Valerie Smith, Warren Niesluchowski

Joan Jonas, geboren 1936 in New York, ist Künstlerin und Dozentin. Ihr Werk umfasst Performances, Videos, Installationen, Skulpturen und Zeichnungen. Sie lebt überwiegend in New York.

 Lange war Joan Jonas vergessen. Das ist erstaunlich, denn sie ist eine der Vorreiterinnen der Performancekunst. Auch für andere Genres wie die Konzeptkunst und das Theater bleiben ihre Experimente und Produktionen der späten 60er und frühen 70er Jahre wegweisend. Durch das Revival der Performancekunst in den 90er Jahren fanden ihre Arbeiten in der Öffentlichkeit erneut Aufmerksamkeit und die Wertschätzung, die ihnen gebührt. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte am Mount Holyoke College (1954-58), der Bildhauerei an der Boston Museum School (1958-61) und der Bildenden Kunst an der Columbia University (1961-64) arbeitet die als Joan Amerman Edwards 1936 in New York geborene Joan Jonas zunächst als Bildhauerin. 1968 betritt sie Neuland: Sie entwickelt ihre ersten Performances und vermengt dabei erstmals collagenhaft verschiedene künstlerische Ausdrucksformen wie Film, Video, Zeichnung und Schauspiel mit volkstümlichen Requisiten wie Masken und Kostümen sowie Textstücken aus Märchen und Sagen. Ihr Werk kreist dabei motivisch um die Wahrnehmung, wie etwa die Spiegelungen des eigenen Körpers in seinem Verhältnis zum Raum, den Medien und dem Publikum. Elemente der Tarnung und Täuschung ermöglicht sie durch Maskerade und Transformationen auf der Bühne. Ihre Werke sind Prozess.

Jonas gelingt es so, ebenso symbolträchtige wie vielschichtige Live-Aktionen zu kreieren. Sie fragmentiert die scheinbaren Kontinuen von Raum, Zeit und Bewegung und beschreibt gleichzeitig die Beziehungen von Sprache, Bewegung und Gegenständen. In vielen ihrer Performances ist sie selbst ein integraler Teil der Performance: Immer wieder setzt sie sich mit sich selbst auseinander und ihren Rollen als Frau und als Künstlerin. 

In ihren späteren Arbeiten befasst sich Jonas immer intensiver mit Ritualen, Masken und der Maskerade des Ichs. Ihr geht es jedoch nicht darum, hinter die Maske zu blicken, sondern darum, zu untersuchen, wie die Maske ihren Träger transformiert. Der „theatrale“ Aspekt ihrer Arbeit tritt damit im Laufe der Zeit zunehmend in den Vordergrund. 

Jonas früheste auf einer Live-Performance basierende Arbeit, der Film „Wind“ (1968) zeigt Menschen, die an einem schneebedeckten Strand stehen, Raum abschreiten und Handlungen wiederholen, sich z.B. bei starkem Wind einen Mantel an- und ausziehen, während ein Pärchen in mit Spiegeln besetzter Kleidung steif auf ein Meer in der Ferne zuschreitet. Jonas untersucht hier den menschlichen Körper, seine rituellen Bewegungen und die Räume, die er einnimmt. Der Film ist zudem eine der frühen Arbeiten, in denen sie Spiegel einsetzt. In „Mirror Pieces 1 & 2“ (1969, 1970), „Mirror Check“ (1970) und anderen wird der Spiegel ein zentrales Objekt, das Jonas verwendet, um Raum sowohl zu transformieren wie auch zu fragmentieren, um Reflexionen von Schauspielern und Publikum miteinander zu vermischen. 

Ab den frühen 70er Jahren beginnt sie, Videos zeitgleich aufzunehmen und zu übertragen. Ihr erstes Experiment dieser Art ist „Organic Honey’s Visual Telepathy“ (1972). In dem einflussreichen, auf einer Performance basierenden Video „Vertical Roll“ (1972) untersucht Jonas sowohl die strukturelle als auch die performative Natur des Mediums. Das Video zeigt eine Bildstörung. Die Bilder laufen auf dem Monitor nach unten weg und „fallen“ aus dem Bildrahmen. Das Bild bewegt sich in einem schwer ausmachbaren, fragmentierten Raum. Zeitweise ist das Gesicht einer Frau (Jonas) erkennbar, das nicht senkrecht (d.h. mit den Augen oben und dem Kinn unten), sondern „vertikal“ (d.h. mit den Augen links und dem Kinn rechts) gezeigt und durch Masken verfremdet wird. Unterlegt ist das Video mit dem fast schmerzenden Geräusch zweier aufeinander schlagender Metallgegenstände. 

Jonas’ Außenperformances (1970-90) finden meist in freier Landschaft und in Industriegebieten statt. Der auf einer Performance basierende Film „Songdelay“ (1973) etwa ist mit Tele- und Weitwinkel-Objektiven gefilmt. Zuschauer sehen aus großer Distanz die Performer, die zum Beispiel Holzblöcke über dem Kopf zusammenschlagen, hören das Geräusch aber zeitlich verzögert (engl. delayed).

1976 nimmt Jonas eine Auftragsarbeit für Kinder an und entschließt sich, das Märchen als Medium zu nutzen „Juniper Tree“. erzählt das Gebrüder-Grimm-Märchen mit der bösen Stiefmutter und ihrer Familie neu. Es untersucht die Rolle der Frau und gerät zu einer weiteren Erforschu ng ihres Selbst. Weitere Versionen der Performance „Juniper Tree“ folgen, ergänzt um Farb- und schamanistische Symbole. 

Mit „Volcano Saga“ (1985/1994) nimmt Jonas wieder märchen- und mythenhaften Stoff zur Grundlage ihrer Arbeit. „Volcano Saga“ erzählt die isländische Laxdeala Saga. Hier sagen die Träume einer Frau (gespielt von Tilda Swinton) die Zukunft voraus. Der Film ist komplex und verwendet vielschichtige digitale Effekte, um die Traumlandschaft, Wünsche und Fantasien der jungen Frau zu zeichnen.

2004 zeigte sie erstmals ihre Video-Installation “The Shape, the Sense, the Feel of Things”. Jonas hat die Arbeit seitdem weiterentwickelt (wie sie überhaupt viele ihrer Performances neu inszeniert und weiterentwickelt hat) und hat Elemente wie Videoaufnahmen von Performances hinzugefügt. Die Installation bezieht sich auf einen Aufsatz des deutschen Kunsthistorikers Aby Warburg über dessen Aufenthalt im Südwesten der USA Ende des 19. Jahrhunderts. Jonas verarbeitet hier Fragmente seiner sowie ihre persönlichen Erinnerungen an diese Gegend, besonders ihre Teilnahme an einem Schlangentanz der Hopis. Die Installation beinhaltet mehrere Videoprojektionen einer Performance, Geräusche, Musik, Bilder, Bewegung und Objekte im Raum. Mit ihr setzt Jonas ihre Erforschung des performativen Körpers und seiner Interaktion mit Medien und Raum, transformiert durch Zeichnungen, Fotografien, Videoprojektionen und andere Objekte, fort. Heute arbeitet die Künstlerin mit einer kleinen und leichten Kamera, die ihr bei der Aufnahme mehr Bewegungsfreiheit ermöglicht. „Tatsache ist, die Videos tanzen immer noch und machen Musik.“ (Zitat: Jonas, in: J. Malloy & P. Bentson (Hg.) (2003). Women, Art and Technology, MIT Press, S. 130)