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Heft Grün

Roger Künkel

"Es war kurz, Sekunden bloß, nach acht Uhr dreißig. Die großen Fenster des Botanischen Gartens, eingefasst in schwarzes Gusseisen, waren beschlagen. Tropfen rannen früh nach unten, Tropfen fielen mit Geräusch in den Tropenhallen voller grüner, großer Blätter.

Die Luft war nass, durchstoßen von faserigen Palmen und aufgepfropften Epiphyten, von rottupfernen Bromelien und rosazarten Orchideen. Man hatte Kolibris eingesetzt, um kostbare Gesamtheit zu signalisieren. Der Lauscher hörte spitzohrig nur das leise Plätschern des kleinen Wasserfalls mit Goldfischen darin, kein Wind, nur Abgeschlossenheit und einen Schrei!

Die schwerfedrigen Türen des hohen Gewächshauses waren aufgesprungen, ein kühler, winterlicher Luftzug war flott eingedrungen, zwei Menschen folgend, eine verschwitzte Frau, im Tweed gehetzt von einem Manne. Sie rannten durch die Büsche, waren ganz allein, von niemandem betrachtet. Ihre spitzen Schreie gellten durch die Kuppel der Glashalle, er grunzte prähistorisch."

 

Roger Künkel (* 1963) arbeitet als Philosophischer Praktiker in Berlin. Er wohnt in Berlin-Tempelhof.