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Eva Schlegel und Eva Würdinger

Sabine Folie, Eva Schlegel
Jugendgericht
Im Jahr 2003 wurde der Wiener Jugendgerichtshof nach acht Jahrzehnten trotz heftiger Proteste geschlossen. Die Institution ging in anderen Institutionen der Justiz auf, die jugendlichen Häftlinge wurden übersiedelt, das Gebäude im Dritten Wiener Gemeindebezirk wurde ausgeräumt und stand drei Jahre leer.

Dieses Haus, seine Verhandlungssäle, vor allem aber seine „Zellen“ und die darin unversehrt erhaltenen zahllosen Inschriften und Graffiti sind Thema dieses Buches: Eva Schlegel und Eva Würdinger dokumentieren mit ihren Fotografien das Haus, wie es heute noch steht, und vergegenwärtigen eine spezielle Jugendgefängniswelt, die aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit ausgeblendet bleibt. Die Künstlerinnen und Fotografinnen Eva Schlegel und Eva Würdinger verbrachten in der Folge viele lange Tage in der „Rüdenburg“ und verpackten ihre Arbeit gemeinsam mit der Grafikerin Erika Ratvay samt Texten von Kunsthalle-Chefkuratorin Sabine Folie in ein Buch. Kleines Format. Dichte Packung. Harte Mischung. Im Jahr 2003 verfügte der damalige Justizminister Dieter Böhmdorfer (FPÖ), dass der Wiener Jugendgerichtshof, der seit den frühen Zwanzigern in der Rüdengasse 7–9 im dritten Wiener Gemeindebezirk untergebracht war, aufzulösen sei. Das Jugendgericht war für die Jüngsten unter den Gesetzes-
übertretern zuständig. Für 14- bis 18-Jährige, die gestohlen, geraubt, erpresst, genötigt, geprügelt, mit Drogen gedealt oder auch gemordet hatten. In diesem Haus wurden sie einvernommen, fanden die Verhandlungen statt, saßen sie in Untersuchungshaft und verbüßten sie kurze Haftstrafen. Wer eine längere Strafe abzusitzen hatte, wurde in die Sonderanstalt für Jugendliche in Gerasdorf verlegt.

Acht Jahrzehnte lang hatte man an der Meinung festgehalten, dass Menschen, die schon so jung mit dem Gesetz in Konflikt geraten, eine besonders aufmerksame Behandlung brauchen, dass sich der große Apparat „Justiz“ auf Jugendliche spezialisierte Richter und Richterinnen leisten solle. Denn die ersten Wege in die Kriminalität gleichen einander, und wer über Schuld richtet, muss diese Wege gut kennen, um die Landkarte zeichnen zu können, auf der sich die Jugendlichen bis zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung bewegt haben. Und welchen Sinn und Zweck, wenn nicht jenen, einen neuen, vielleicht besseren Weg vorzuschlagen, hat die Exekution der Strafgesetzgebung?

2003 wurden der Wiener Jugendgerichtshof und das angeschlossene Untersuchungsgefängnis unter heftigem Protest großer Teile der Richterschaft also geschlossen. Die Institution ging in anderen Institutionen der Justiz auf, das Gebäude im dritten Bezirk wurde ausgeräumt und stand drei Jahre leer.

Anfang November wurde die große Immobilie in guter Wohnlage von ihrer Besitzerin, der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), um 5,7 Millionen Euro an einen Investor verkauft, der Hauptteil des Erlöses wanderte ins Finanzministerium. Bereits ein Jahr zuvor hatte BIG-Geschäftsführer Christoph Stadlhuber angeregt, man möge sich die Grafitti in den Hafträumen anschauen, das sei etwas, das unbedingt dokumentiert gehöre. Schon während der ersten Besichtigung war klar, dass man sich diesen unglaublich vielen, dichten, intensiven und die Betrachter durchaus hernehmenden Inschriften, Zeichnungen, Ritzfiguren und Brandmalen viel eher auf künstlerischem als auf dokumentarischem Weg würde nähern können.

Sprache: Deutsch