Die uneingestandene Gemeinschaft

Maurice Blanchot

In Deutschland ist der französische Literat und Philosoph Maurice Blanchot (1907-2003) bislang kaum außerhalb des akademischen Kontextes rezepiert worden. In Frankreich zählt er zu den größten Denkern des Landes, dessen Einfluß auf Denker wie Jean-Luc Nancy, Michel

In Deutschland ist der französische Literat und Philosoph Maurice Blanchot (1907-2003) bislang kaum außerhalb des akademischen Kontextes rezepiert worden. In Frankreich zählt er zu den größten Denkern des Landes, dessen Einfluß auf Denker wie Jean-Luc Nancy, Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze maßgeblich war. Die vorliegende Schrift „Die uneingestandene Gemeinschaft“ ist erstmals 1983 in Frankreich erschienen und liegt nun auch endlich in deutscher Sprache vor.

Sein Essay gliedert sich in zwei Teile  - „Die negative Gemeinschaft“ und „Die Gemeinschaft der Liebenden“. Der erste Teil seiner Arbeit bezieht sich auf Jean-Luc Nancys „Die undarstellbare Gemeinschaft“ (Edition Patricia Schwarz Stuttgart 1988) – und der zweite Teil bezieht sich auf Marguerite Duras‘ „Die Krankheit Tod“ (Fischer Verlag, Frankfurt / M. 1985).

Im Mittelpunkt steht dabei die Reflexion über die kommunistische Forderung nach einer Gemeinschaft in einer „Zeit, die sogar das Verstehen derselben verloren hat“ (S. 9). Nancys Überlegungen, die sich sowohl auf seine eigene Philosophie als auch die des Soziologen George Bataille (vor allem auf: „Die innere Erfahrung“, Matthes & Seitz, München 1999) beziehen, implizit folgend stellt er dabei die Frage nach der Wechselbeziehung von „Individuum“ und „Gemeinschaft“. Sein erstes Zwischenfazit bezüglich einer Reflexion über das Wesen der Gemeinschaft lautet:

    * 1) Die Gemeinschaft ist keine beschränkte Form der Gesellschaft, ebensowenig wie sie nach der kommuniellen Verschmelzung strebt.
    * 2) Im Unterschied zu einer sozialen Zelle untersagt sie sich, ein Werk zu schaffen, und sie hat keinerlei Produktionswert zum Ziel.“ (S. 25).

Seine Bezugsgröße bildet dabei Bataille, für den Gemeinschaft eng mit dem Bewußtsein des Todes bzw. das Sterbens verknüpft ist. Seine Auseinandersetzung mit Bataille, die im engen Kontext der modernen französischen Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht, ist für Laien oft nur schwer verständlich. Trotz des sehr lesenswerten Nachwortes von Gerd Bergfleth empfiehlt sich zumindest eine vorhergehende Lektüre der dem Essay zugrundeliegenden beiden Texte von J.-L. Nancy und M. Duras. (Kenntnisse der Soziologie Batailles können allerdings auch nichts schaden.)

Ebenso verhält es sich mit dem zweiten Teil seiner Arbeit, in der er u.a. die Erfahrung des Pariser Mai 1968 – als Form „spontaner Kommunikation“ - in seine philosophischen Betrachtungen mit einfliessen läßt. Hier ist ebenfalls der Tod eine Bezugsgröße für seine Überlegungen. (Er stellt dabei auch einen Kontext zu Batailles literarischem Werk her.) Wie es der Klappentext pointiert das Fazit zusammenfaßt: „Das notwendige Scheitern jeglicher ‚Gemeinschaft‘ liegt nicht an den Anforderungen der Gesellschaft, sondern am absoluten Anspruch der Gemeinschaft selber, der nicht verwirklicht werden kann“.

Neben dem Blanchotschen Text, der um einige Anmerkungen des Übersetzers ergänzt wurde, wird der Essay mit einem Nachwort von Gerd Bergfleth („Blanchots Dekonstruktion der Gesellschaft“) bereichert.Der Essay biete von seiner Thematik und Niveau eine sehr interessante philosophisch-theoretische Basis für eine Revision linker Ideale bezüglich einer Form von Gemeinschaft und dürfte auch zum besseren Verständnis des Projektes Postmoderne beitragen. Er verlangt allerdings vom / von der LeserIn eine sehr intensive Lektüre und ein immenses Vorwissen, da dieser Essay quasi esoterisch in einen wissenschaftlichen Kontext eingebunden ist.