Christoph Schlingensiefs Animatograph

Christian Reder
Zum Raum wird hier die Zeit. Roman Berka
Beim deutschen Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief (1960–2010) ist der Animatograph Drehbühne, begehbare Installation und Projektionsfläche zugleich.

Es handelte sich also um das adäquate Medium für das Werk eines Künstlers, das zwischen Theater, Film und bildender Kunst oszillierte. „Anima ist die Seele“, erklärt Schlingensief. „Der Animatograph zeichnet auf, was in der Seele geschieht, ein Seelenschreiber.“ Zum ersten Mal kam das Ding im Mai 2005 in Island („House of Obsession“) zum Einsatz, noch im selben Jahr folgten Aktionen im brandenburgischen Neuhardenberg („Odins Parsipark“) und in Namibia („The African Twintowers“). Ihren Höhepunkt erreichte die „animatographische Bewegung“ im Jänner 2006 im Burgtheater („Area 7 – Matthäusexpedition“), abgeschlossen wurde das Projekt 2006/07 an der Berliner Volksbühne („Kaprow City“). In einem opulent gestalteten Band dokumentiert der Wiener Kunsthistoriker Roman Berka in Wort und Bild (Verhältnis ca. 50:50) die vom Animatographen geprägte Phase in Schlingensiefs Werk, deren Ursprung in seiner Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung (2004) zu verorten ist. Der Autor macht die einzelnen Stationen des Animatographen nicht nur durch präzise Beschreibung anschaulich, er durchforstet auch souverän das Schlingensief-typische Dickicht aus mythologischen und sonstigen Bezügen und ordnet den Animatographen in das Gesamtwerk Schlingensiefs sein. Den später entstandenen, von der Krebserkrankung des Künstlers dominierten Arbeiten ist das letzte Kapitel gewidmet.Obwohl das Buch sich auf einen bestimmten Aspekt konzentriert, haben wir es mit der bisher umfassendsten Arbeit zum Werk eines Künstlers zu tun, der Kunsthistoriker und Theaterwissenschaftler vermutlich noch lange beschäftigen wird. „Schlingensiefs Animatograph“ ist das erste Standardwerk der Schlingensiefologie.

Sprache: Deutsch