Add Items to Cart

Paul Vanouse

Jens Hauser
Fingerprints ...
Natürlich technisch: Fingerprints... Die Biomedienkunst von Paul Vanouse Die biotechnologischen Kunst-Installationen und Live-Laboratorien von Paul Vanouse hinterfragen die Codes und Prozesse heutiger Wissensproduktion.

Natürlich technisch: Fingerprints... Die Biomedienkunst von Paul Vanouse Die biotechnologischen Kunst-Installationen und Live-Laboratorien von Paul Vanouse hinterfragen die Codes und Prozesse heutiger Wissensproduktion. Zwischen religiöser Symbolik und technischem Bild machen sie sichtbar, wie technologische und kulturelle Faktoren sich stets gegenseitig beeinflussen. Mal auratisch inszeniert, mal pädagogisch demystifizierend, nutzt der Künstler und Hobby-Wissenschaftler mit der Gelelektrophorese als zweckentfremdetem Medium seiner Kunst eine Technik zur Trennung von Molekülen, die für gewöhnlich in der Grundlagenforschung, bei Vaterschaftstests und in der Forensischen Genetik zum Einsatz kommt. In der Ausstellung Fingerprints... ist Vanouse exemplarisch dem genetischen Fingerabdruck auf der Spur. Genau genommen ist dieser kein Abdruck wie in der klassischen Daktyloskopie und muss auch nicht vom Finger stammen, sondern ist eine per Laborprotokoll manipulierte Körper-Spur. Warum aber suggerieren solche Metaphern Natürlichkeit und blenden deren technische Konstruktion aus? Mit welchem Effekt brennen sich solche unkritisch hingenommenen Floskeln ins kollektive Bewusstsein ein? Leisten sie vielleicht einem zeitgenössischen Biologismus Vorschub, der als Gen-Fetischismus auch zur Suche nach Schwulen-, Kriminellen-, Juden- oder Bundesbänker-Genen anstachelt, Vor- bestimmtheit suggeriert und Vorurteile zementiert? Vanouse nutzt die analytische Gelelektrophorese synthetisch und mit beißendem Humor. Sein Suspect Inversion Center ist ein öffentliches Labor. Hier wird für jedermann einsichtig Evidenz fingiert und in wochenlanger Kleinstarbeit peu à peu das Bandenmuster des DNA-Profils des mutmaßlichen Mörders und US-amerikanischen Footballstars O. J. Simpson nachgebaut allerdings aus des Künstlers eige- ner DNA. Vanouse zeigt das Chromatogramm als Bild im Prozess seiner Entstehung und führt die technische Konstruiertheit der vermeintlich von Mutter Natur höchstpersönlich in unsere Körper eingeschriebenen biologischen Personal- ausweise vor. Ähnlich verfährt er in seiner Werkserie Latent Figure Protocol. Per Gelelektrophorese lässt er statt der üblichen abstrakten Bandenmuster einer unbekannten DNA-Probe hier aus bekannter DNA figurative Bilder im Sequenzgel entstehen. Motive wie ID, 01, das Copyright-Symbol, Henne und Ei oder das Piratenzeichen Skull & Crossbones erscheinen progressiv als pixelhafte Vexierbilder. So stellt Vanouse der Autorität des objektiven DNA-Fingerabdrucks den Status eines sub- jektiven Portraits gegenüber. Das Relative Velocity Inscription Device schließlich ist ein absurdes Live-Experiment, bei dem für die Hautfarbe codierende Gensequenzen der multi-ethnischen Familienangehörigen des Künstlers jamaikanischer Abstammung ein absurdes Rennen in einem Motive der Installation Latent Figure Protocol Gelelektrophorese-Apparat gegeneinander austragen, um ihre Fitness zu testen ein race about race in which the body has been erased. Wird Rassismus heute möglicherweise molekular? Vanouse stellt der Installation Charles B. Davenports Buch Race Crossing in Jamaica von 1929 anbei, in dem dieser die Minderwertigkeit schwarzweißer Mischlinge belegen wollte, und suggeriert, dass auch unsere Wissensgesellschaft heute gegen neo- eugenische Trends nicht gefeit ist. Jens Hauser, Paris (Biospektrum - Magazin für Biowissenschaften)

 

Sprache: Deutsch und Englisch