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Bauhaus #2

Zvi Efrat, Arieh Sharon, Hannes Meyer, Sharon Rotbard, Galia Bar Or, Yuval Yasky, Dov Khenin, Gideon Ofrat, Mordecai Ardon, Udi Katzmann, Selman Selmanagié, Max Bill, Ludwig Mies van der Rohe, Heidi Specker (Text)
Israel
Keine Stadt außerhalb Deutschlands ist so sehr mit dem namen bauhaus verbunden wie Tel Aviv. Doch hält dieser Mythos einer historischen Betrachtung nicht stand.

Wie Sharon Rotbard in diesem Heft aufzeigt, hat die moderne Architektur der Weißen Stadt nur wenig mit dem Bauhaus zu tun. Der Mythos der Bauhausstadt ist scheinbar eher der Sehnsucht der Israelis geschuldet, neben dem Furchtbaren auch das Positive im Deutschen zu sehen. Doch warum dann ein Heft zu Bauhaus und Israel?

Vom Mythos befreit lässt sich das Bauhaus in Israel ganz neu entdecken. In den Wohnungen deutsch-sprachiger Einwanderer, der Jeckes, kann man zum Beispiel materielle Spuren der Migration finden, die auf die europäische Moderne und zuweilen sogar auf das Bauhaus selbst verweisen. Weitaus prägender freilich war das Wirken von über zwei Dutzend ehemaligen Bauhausschülern in Palästina, später dann in Israel – darunter Fotografinnen und Filmemacher, Bildhauer und Weberinnen, Grafiker und Spielzeugdesigner, vor allem aber die bekannten Architekten und Stadtplaner.

 

In den Dreißigerjahren vom Bauhaus Dessau nach Palästina ausgewandert oder dorthin zurückgekehrt, haben sie die Formung des neuen Staates in der entscheidenden Phase vor und nach seiner Gründung im Jahr 1948 mitgeprägt. Dies reicht von der Neukonzeption der zentralen Kunsthochschule des Landes, der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerualem, durch den Weimarer Bauhausschüler Mordecai Ardon bis hin zum Masterplan für die Besiedlung des ganzen Staates, der unter Leitung von Arieh Sharon entstand.

 

Am bedeutsamsten aber war wohl die Mitwirkung der Bauhausschüler Shmuel Mestechkin, Arieh Sharon und Munio Weinraub bei der Gestaltung der Kibbuzim in den Dreißiger- bis Siebzigerjahren. Dieser gebauten Gesellschaftsutopie ist auch die zentrale Ausstellung am Bauhaus Dessau gewidmet, die mit dem Erscheinen des Heftes eröffnet wird. In den basisdemokratisch organisierten, sozialistischen Siedlungen realisierten jüdische Migranten aus Mittel- und Osteuropa zusammen mit den Bauhäuslern zentrale Ideen und Ideale der europäischen Moderne. Ihr gemeinsames Ziel war der neue Mensch und die funktionale Gestaltung von dessen Lebenswelt. Dabei folgten sie einem gebrauchsorientierten Architekturverständnis, das vor allem der zweite Bauhausdirektor Hannes Meyer geprägt hatte. Diese Visionen wurden in den Kibbuzim wie nirgendwo sonst real – und zeigten ihre Überzeugungskraft ebenso wie ihre Schwächen.

 

Die landesweiten Proteste in israelischen Städten zeigten im vergangenen Sommer, wie aktuell Meyers Motto "Volksbedarf statt Luxusbedarf" noch immer ist, auch wenn heute ganz andere Lösungen gesucht werden. Mit der jüdischen Wiederbesiedlung Palästinas im Geist der Moderne offenbart diese allerdings auch fragliche Seiten: Hier trafen die Projekte der Avantgarde eben nicht auf freie Dünen, sondern auch auf die ansässige arabische Bevölkerung. Die sich daraus ergebenden Spannungen, die schon damals sichtbar waren, sind bis heute ungelöst.


Sprache: Deutsch