Ready to Shoot- Fernsehgalerie Gerry Schum/ Videogalerie Schum

Ulrike Gross, Barbara Hess, Ursula Wevers u.a.

Düsseldorf. Je länger eine Sache unter Verschluss gehalten wird, umso interessanter ist, unter welchen Aspekten sie verhandelt wird, wenn sie wieder zu entdecken ist. Die Rede ist von der Fernsehgalerie Gerry Schum (1968-1970) und der videogalerie schum (1970-1973), denen die Kunsthalle Düsseldorf nun die erste umfassende Retrospektive ausgerichtet hat;

Düsseldorf. Je länger eine Sache unter Verschluss gehalten wird, umso interessanter ist, unter welchen Aspekten sie verhandelt wird, wenn sie wieder zu entdecken ist. Die Rede ist von der Fernsehgalerie Gerry Schum (1968-1970) und der videogalerie schum (1970-1973), denen die Kunsthalle Düsseldorf nun die erste umfassende Retrospektive ausgerichtet hat; mehr als 20 Jahre nach der ersten Werkschau im Stedelijk Museum Amsterdam, 30 Jahre nach Schums (1938-1973) Freitod und mehr als zehn Jahre nach Vorlage der 1996 als Dissertation erschienenen, bislang einzigen Monographie, verfasst von der Autorin.
Die Ausstellung selbst präsentiert sich, dem schnörkellosen Charakter der von Schum verantworteten Produktionen entsprechend, puristisch – fast ohne Ausnahme. Sie ist klar gegliedert, zeigt, was geblieben ist aus fünf Jahren harter und konfliktträchtiger Arbeit mit KünstlerInnen, Fernsehsendern, GeldgeberInnen: 1. frühe Auftragsproduktionen über Kunst, 2. Filme als Kunst innerhalb der teilweise rudimentär überlieferten Gestalt des neuen und national ausgestrahlten, unkommentierten »Formats« »Fernsehausstellung« (»Land Art«, 1969 und »Identifications«, 1970), 3. die beiden regional ausgestrahlten TV-Interventionen »TV as a fireplace« (Jan Dibbets) und Keith Arnatts »TV Project Self Burial« und 4. von der videogalerie schum edierte Künstlervideos mit und ohne »Objektzertifikat«. Begleitet werden die laufenden Bilder von einer großen Anzahl an Dokumenten. Sie sind, dem optischen Eindruck nach, als gleichwertige Teile jenes Ganzen inszeniert, das als »Fernsehgalerie Gerry Schum« und »videogalerie schum« in die Kunst- und Ausstellungsgeschichte eingegangen ist.
Filme und Videos erscheinen auf planparallel in die Stellwände eingelassenen Monitoren, sind umgeben von Fotodokumenten, die Schums Lebens- und Arbeitspartnerin Ursula Wevers während der Dreharbeiten aufgenommen hatte. Arbeiten, die schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung selbstbewusst, in schönen, großen Abzügen neben den Monitoren hingen, wie das annäherungsweise rekonstruierte Ausstellungsdesign zur Eröffnung der Fernsehgalerie 1969 im Studio C des SFB zeigt.
Dazu addieren sich viele noch nie publizierte schriftliche Dokumente, zu Tage befördert aus dem nun von Wevers erschlossenen und zugänglich gemachten »Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers, Köln«: Briefwechsel, Konzepte, Skizzen und Drucksachen sind gut einsehbar auf den in die Stellwände eingelassenen Konsolen ausgebreitet. Etwas verunglückt wirkt lediglich der mit weiß lackierten Platten bewerkstelligte »Nachbau« des Wohn- und Studiomobils als »Riesenvitrine« für die archaisch anmutenden Video-Apparaturen der ersten Stunde.
Was KuratorInnen, KritikerInnen und TheoretikerInnen heute wichtig finden, legen insbesondere die Katalogbeiträge von Eric de Bruyn und Beatrice von Bismarck offen. Es sind nicht die künstlerischen Arbeiten, deren Motivation und Interessen, ohne die Schums »Fernsehausstellungen« zweifellos keinen Sinn gemacht hätten (und vice versa). Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Unternehmen Schum, seine »kritischen und utopischen Dimensionen« (de Bruyn) auf der einen und der kooperative Charakter von Schums Arbeitsweise als wesentlicher Beitrag zur postmodernen Definition des Autors (von Bismarck) auf der anderen Seite.
De Bruyn analysiert die Fernsehgalerie als öffentliches und zugleich diskursives Ereignis, dessen »konflikthafte Existenz« über den unmittelbaren Kontext der Ausstrahlung weit hinausging. Schums Verdienst sei es, eine alternative Form von Öffentlichkeit innerhalb der im Entstehen begriffenen, als Postmoderne bezeichneten globalen Medienlandschaft entwickelt zu haben, auch wenn er die oppositionelle Praxis der Fernsehgalerie mit den 1969 längst überholten Theorien Brechts und Benjamins munitionierte und mit dem Widerspruch zu leben hatte, innerhalb der repressiven Organisations- und Verbreitungsform des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu agieren. Beatrice von Bismarck sondiert die aus heutiger Sicht so aktuellen multiplen Rollen und Aufgaben des Machers – als Teamarbeiter, als Produzent, als Kurator, Galerist und schließlich als derjenige, der die Kamera führt und damit einen Autorstatus für sich reklamiert. Mit allen damit verbundenen Reibungspunkten. Richard Longs Warnung klingt noch im Ohr: »Benutze niemals Künstler für deine eigenen Zwecke!«

 

Sprache: Deutsch