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Texte zur Kunst - Heft 83 (September 2011)

Isabella Graw (Hg.)
The Collectors
Dieses Heft widmet sich dem Sammler. Bürgerliche Sammlerinnen, Sammler und Sammlerpaare gehören spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Protagonisten des Kunstbetriebs.
Dank finanzieller Mittel und mit persönlicher Leidenschaft förderten und fördern sie Künstlerinnen und Künstler und sichern so deren Überleben; sie können aber auch als Unterstützer von Projekten und Initiativen, Zeitschriften und Verlagen auftreten oder mit ihren Leihgaben und Schenkungen öffentliche Institutionen und Ausstellungen bereichern. Auch wenn die Kunstgeschichte sich häufig auf die Kunstschaffenden selbst konzentriert, wäre die Entwicklung moderner und zeitgenössischer Kunst ohne sammlerisches Engagement, das sich vielfach im Hintergrund abspielt, nicht vorstellbar. Dem philanthropischen Einsatz von Sammler/innen ist auch heute noch die Existenz einer Vielfalt an künstlerischen Positionen im Kunstbetrieb zu verdanken. Gleichwohl ließen sich in den vergangenen drei Jahrzehnten Veränderungen im Auftreten und Handeln einer bestimmten sammlerischen Schicht beobachten, der die Aufmerksamkeit dieses Heftes gilt.
Zunächst einmal zeichnet sich diese Entwicklung durch eine starke Fokussierung auf die Person des Sammlers aus. Hierbei scheint es sich um ein Phänomen zu handeln, bei dem allein die öffentlichkeitswirksame Funktion des Sammelns im Vordergrund steht. Während das Sammeln von Kunst (groß)bürgerlichen Schichten lange als mäzenatisch-wohltätige Tugend galt, nutzt eine neue Generation von Sammler/innen ihren Kunstbesitz gezielt als Mittel zur Durchsetzung eigener Macht- und Wirtschaftsinteressen, wie Steffen Zillig in seinem Beitrag darlegt. Waren Sammler/innen bislang kaum einer breiten Öffentlichkeit bekannt, inszenieren manche ihr Tun heute offensiv medial, womit sie den Status von Celebrities anstreben, einem Wandel, der – wie Zillig beschreibt – oftmals im Namen einer neuen Bürgerlichkeit vorangetrieben wird, die sich aber paradoxerweise dezidiert anti-bürgerlich geriert. Mit der Ausweitung des westlichen Kunstmarkts vor allem auf die aufstrebenden Boom-Nationen in Osteuropa, Asien und Arabien hat sich eine neue, mega-solvente Sammlerklasse etabliert. Niklas Maak zeigt in seinem Text auf, wie zentrale Akteure dieser Gruppe ihren Einfluss über den Markt hinaus auch auf den internationalen Ausstellungsbetrieb ausdehnen und dessen Charakter verändern. Ausgehend von der diesjährigen Venedig-Biennale untersucht er, wie sie sich ein bislang tendenziell durchlässiges System aneignen und den Zugang zu ihm verstärkt regulieren.
Doch welchen Stellenwert besitzt die vielfach beschworene "Liebe zur Kunst", und in welchem Verhältnis steht sie zu anderen Motiven, die dem Sammeln zugrunde liegen? Inwiefern lässt sich von den Beweggründen und Arten des Sammelns auf einen bestimmten Sammlertypus schließen? Ausgehend von soziologischen Modellen hat Ulf Wuggenig eine Typologie des Sammlers erstellt. Auf der Basis von empirischen Daten zeichnet er nach, wie Sammler/innen im Feld der Kunst wahrgenommen werden bzw. wie sie sich selbst wahrnehmen und welchem beruflichen Kontext sie entstammen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das Sammeln von Kunst zunehmend von einer ökonomischen Elite betrieben wird, für die es sowohl Investment als auch Lifestyle bedeute. In eine ähnliche Richtung argumentiert auch Andrea Fraser. In ihrem Text macht sie deutlich, wie steigende Preise auf dem Kunstmarkt mit zunehmender Diskrepanz zwischen Arm und Reich in Verbindung stehen. Wenn jedoch jeder Kunstmarktboom um den Preis einer steigenden Lohnungleichheit erkauft ist, stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln dieser dramatischen Entwicklung entgegengewirkt werden könnte.
Der massiven Akkumulation privaten Geldes im Zuge von Finanzspekulation stehen Budgetkürzungen im kulturellen Sektor gegenüber. Für viele Museen scheinen Kooperationen mit privaten Sammlungen oftmals die einzige Möglichkeit zu sein, um die für sie unerschwingliche zeitgenössische Kunst überhaupt präsentieren zu können. Doch das Modell, ihre Erwerbungen durch Leihgaben, Schenkungen oder Stiftungen dauerhaft an eine öffentliche Institution zu binden, scheint für viele Sammler/innen heute an Bedeutung verloren zu haben. Lieber gründen sie selbstbewusst ihr eigenes, häufig architektonisch hervorstechendes Haus. Auf die Frage, wie Direktor/innen und Kurator/innen von europäischen und us-amerikanischen Museen auf diese Entwicklung reagieren, antworteten Chris Dercon, Udo Kittelmann, Karola Kraus, Christine Macel, Bartomeu Marí, Matthias Mühling und Bennett Simpson.
Die Perspektive der Künstler/innen bleibt beim Thema Sammler vielfach unberücksichtigt, während Sammler/innen selbst häufig als Gesprächspartner herangezogen werden. Diesem Missverhältnis entgegenzuwirken, haben wir Candice Breitz, Peggy Buth, Jonathan Monk und Andreas Siekmann zu einer Diskussionsrunde eingeladen, in der sie ihr Verhältnis zu Sammler/innen erörtern und außerdem der Frage nachgehen, warum Sammler/innen derzeit so sehr in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen.
In einer Zeit, in der das Überleben kultureller Einrichtungen mehr und mehr auf private Initiativen angewiesen ist, scheint es uns dringlich geboten, die gewandelte Rolle des Sammlers in Bezug auf ihren gesellschaftlichen Zusammenhang kritisch zu reflektieren. Aus unserer Sicht kann es sich ein als demokratisch verstehendes Gemeinwesen nicht erlauben, die Förderung eines kulturelle Identität stiftenden Mittels wie der Kunst allein privaten Interessen zu überlassen. Auf der anderen Seite hoffen wir, mit Heft 83 von Texte zur Kunst Perspektiven aufzeigen zu können, die alternativen, Positionierungsmöglichkeiten für privates Engagement eröffnen. (Editorial)
 
Sprache: Deutsch/Englisch