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Springerin - Band VI Heft 4/2000

Verein "Springerin" (Hg.)
Outside Europe
Vieles von dem, was der heutige Kunstbetrieb aus sogenannten Lebenswelten des oder der »Anderen« in seine Zentren spiegelt, legt eine Vermutung nahe: Dass die Konjunktur hybrider Mischwelten, die wir gegenwärtig im Ausstellungsbetrieb sehen, nichts anderes ist, als eine verfeinerte Version der postmodernen Strategie, das Andere in einer globalisierten kulturellen Ökonomie als Ware konsumierbar zu machen.
Die scheinbare Auflösung von nationaler Politik in den transnationalen Gefügen des Marktes und ihre gleichzeitige Kristallisation in weniger sichtbaren übernationalen Einheiten, in denen sich ökonomische und politische Kraftfelder erneut hegemonial konstituieren, findet ihre Entsprechung auch in der Kunstwelt. Der mächtige, alte, westzentrierte Kunstbetrieb will eben in der Kunst noch immer ein globales Paradigma sehen, das die Interessen seiner metropolitanen Zentren fördert. Der Versuch, kulturelle Gegensätze, Widersprüchlichkeiten und Gegnerschaften dadurch zu verwischen, dass sie in einem imaginierten Raum von geklitterter Globalkultur aufgelöst und entschärft werden, macht das Andere zu etwas unter anderem, etwas Subalternem.
In diesem Heft der springerin geht es uns darum, Verbindungslinien zwischen kulturellen Produktionen an Orten außerhalb Europas zu zeichnen, zwischen Themen, die dort bearbeitet werden und Szenen, die dort arbeiten. Diskontinuitäten, unerwartete Nachbarschaften werden dabei sichtbar und Brüche im Feld der ästhetischen Produktion »Outside Europe«, Sprünge im Raum zwischen abstrakter kultureller Ideengeschichte und konkreten Lebenszusammenhängen.
Die zwar gehypten, aber strukturell weiterhin marginalisierten Kunstszenen der ehemaligen Dritten Welt finden sich oft aufgerieben zwischen den sehr unterschiedlichen Realitäten, in denen sie leben und arbeiten, und einer universalen Zuschreibung - Schlagwort: Globalisierung.
Anstelle einer affirmativen Lektüre und der mimetischen oder ergänzenden Nacherzählung von künstlerischer Arbeit, erscheint es uns sinnvoll, auf die Transmissionsschwierigkeiten einzugehen, die im Zuge der Rede von immer globaler - und nivellierter- werdenden Kulturräumen in Bezug auf künstlerische Praxen auftreten.
Wie jede emanzipatorische Politik derzeit mit den enormen taktischen Schwierigkeiten kämpft, lokale Aktionen und Entwicklungen mit internationalen zu koppeln und zu koordinieren, tun das auch KünstlerInnen. Den Widersprüchlichkeiten auf der Spur zu bleiben, die in diesem sich verändernden Raum in einer Art Dialektik aufeinander bezogen sind, und dabei keinem Reduktionismus zu verfallen, ist schwierig.
Der weltweite Kapitalismus baut die physische Landschaft von Städten und Regionen um - das ist ein lesbarer visueller Effekt. Aber in enger Partnerschaft mit dieser Neuorganisation des Raums, baut er auch abstraktere Landschaften um: die des Sozialen und die des Symbolischen. Alle, die sich - nach Homi Bhabhas berühmt gewordener Metapher - in einem Dritten Raum nicht verortbarer Kulturen aufhalten, leben immer auch in diesen beiden Landschaften, an einem konkreten Ort: In Indien oder Südafrika, in Mexiko oder in Kuba, im Libanon oder im Iran, am Balkan oder in Russland, ... (Editorial)
 
Sprache: Deutsch