Jean-Luc Nancy, Ende Juli diesen Jahres siebzig geworden, zählt zu den wichtigen Denkern zeitgenössischer dekonstruktiver Philosophie.
In einer globalisierten Welt sind die traditionelle und lokalen Gemeinschaften, beispielsweise des Dorfes oder der Familie im Schwinden begriffen. Umgekehrt entwickelt sich eine rückblickende Sehnsucht nach solchen Halt versprechenden Zusammenschlüssen. Der Sehnsucht nach der vermeintlich idyllischen Kleingemeinschaft ist aber, so Nancy, mit Skepsis zu begegnen. Denn die Kehrseite gemeinsamer Normen und Werte bilden Ausschluß- und Selektionsmechanismen des Anderen.
Darum plädiert Nancy in seiner Schrift "singulär plural sein"  für ein "Zusammensein" ein "Mit-Sein" jenseits ideologischer Programme und Identifikationsmuster.
"Meiner Ansicht nach ist das erste Erfordernis, das überkommene Verständnis des 'Gemeinsamen' und der 'Gemeinschaft' unter Vorbehalt zu stellen. Auf dieser Grundlage können wir beginnen zu verstehen, dass das ‹Sein-in-der-Gemeinschaft› kein gemeinsames Sein ist und dass es anders zu analysieren ist, zum Beispiel als 'Zusammen-Sein' oder 'Mit-Sein'. Die Hauptfrage ist, wie die Politik als eine Nicht-Totalität zu denken ist, und das heisst anders denn als Unterordnung der gesamten Existenz. Zwischen der Ontologie des Mit-Seins und der Politik darf es keinen begründenden Zusammenhang geben und auch keinen solchen des Ausdrucks."
 

 

 

 

 

 

Auch Roberto Esposito (* 1950), der immer wieder mit Nancy zusammengearbeitet hat, versucht die scheinbar feststehenden traditionellen Kategorien politischer Philosophie an der Schnittstelle zur Anthropologie, Literatur und Theologie neu zu fassen. In "Communitas. Ursprung und Wege der Gemeinschaft" problematisiert Esposito ein verbreitetes Verständnis von Gemeinschaft, das diese als "Eigenschaft" bzw. "Eigentum" der Subjekte begreift, die sie vereint. Gemeinschaft wird hier als Gesamtheit des sozialen Körpers aufgefasst, und das Gemeinsame bzw. Gemeinschaftliche als eine Errungenschaft, derer man sich rühmt, oder als ein Verlorengegangenes, das beklagt wird.
Esposito distanziert sich von diesen Mustern des modernen politischen Denkens, "um zum Ursprung der Sache selbst zurückzugehen – zur etymologischen Herkunft des Wortes 'communitas/ communis' als 'cum Munds'. Aus 'Munds' – im Sinne von Bürde, Verpflichtung, Gabe, Amt – geht die Gemeinschaft hervor: an ihrem Grund erweist sich, daß sie durchaus kein Besitz, kein Territorium ist, das es zu verteidigen gilt. Ihr dunkler Kern ist vielmehr ein Mangel: etwas Auszufüllendes, eine geteilte Verpflichtung, ein von allen zu Erbringendes – etwas, das stets noch aussteht. 'Im-munitas' (als Schutzmechanismus) und 'Com-munitas' erscheinen als die Leitbegriffe dieser grundlegenden Ambivalenz zwischen Gabe und Schuld, Geteiltem und Bedrohlichem, die die Gemeinschaft seit Anbeginn prägt."

 

 

 

 

 

In Deutschland bisher nur ansatzweise rezipiert, zählt Maurice Blanchot (1907-2003) in Frankreich zu den Klassikern der modernen Philosophie und hatte maßgeblichen Einfluß auf Autoren wie Foucault, Derrida, Deleuze und auch Blanchot. Sein Essay „Die uneingestandene Gemeinschaft“ von 1983 liegt erst seit 2007 auch in deutscher Sprache vor. Auf den Soziologen Bataille und Nancys „Undarstellbare Gemeinschaft“ bezugnehmend, reflektiert Blanchot hier die kommunistische Forderung nach einer Gemeinschaft in einer „Zeit, die sogar das Verstehen derselben verloren hat“. "Das notwendige Scheitern jeglicher 'Gemeinschaft' liegt nicht an den Anforderungen der Gesellschaft, sondern am absoluten Anspruch der Gemeinschaft selber, der nicht verwirklicht werden kann, sondern unweigerlich in den Tod treibt. Dieser Horizont des Unmöglichen macht die ersehnte Gemeinschaft zugleich zu einer 'uneingestehbaren'. Blanchot untersucht die innere Struktur von Gemeinschaften, und rückt so die Kommunikationsformen von Freundschaft und Liebe in den Mittelpunkt."

 

 

 

 

 

Eine ganz andere Perspektive nimmt Giorgo Agamben (* 1942) ein, der sich "an den Rändern der Sprache bewegt und versucht, vom Rest ausgehend das Unaussprechliche auszudrücken. Seine Bücher verlangen, sich auf ein paradoxes, für die Vernunftlogik immer unbefriedigendes Unterfangen einzulassen. Belohnt wird man dafür mit Reflexionen, die kaum anderswo derart frisch und anregend zu finden sind. In seinem Buch "Die kommende Gemeinschaft" entwirft Agamben seine Utopie einer anderen Welt, in der das Sein nur noch ein grundloses So-Sein ist, ein Leben, das weder Begründungen hat noch der Begründung bedarf. Er nimmt dabei das für gewöhnlich negativ konnotierte Wort des "Beliebigen" zum Ausgangspunkt und skizziert das Existieren nach dem Sein als ein Unbestimmt-Werden, ein allen Festlegungen und Formen Entfliehen, ein bloßes Dasein, singulär, undefinierbar und mit Worten unbeschreibbar. In dieser unmöglichen sprachlichen Darstellung einer anderen Möglichkeit des Existierens trifft der Philosoph sich mit einem Denken, das den europäischen Horizont verlässt. Denn es sind vor allem indische und chinesische Betrachtungsweisen, die dem skizzierten Weg entsprechen."

 

 

 

 

 

Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman (*1925) schließlich analysiert die Gemeinschaft unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten. "Sicherheit und Freiheit zählen zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Gemeinschaft – schon das Wort konnotiert Wärme. Sie bietet Schutz, beschneidet aber zugleich unsere Individualität und unsere Freiheit. Man muß immer wieder versuchen, diese beiden gleichermaßen kostbaren Werte auszubalancieren, störungsfrei in Einklang kommen sie nie. In Gemeinschaften greift Zygmunt Bauman die Möglichkeiten und Gefahren auf, die sich aus diesem Dilemma ergeben. Mit essayistischer Brillanz diskutiert er einen Begriff, der in den Debatten über die Zukunft von Umwelt und Gesellschaft eine zentrale Stellung einnimmt."

          

 

Jean-Luc Nancy, singulär plural sein, Diaphanes 2004 (frz. 1996), 23 €

 

Roberto Esposito, Communitas. Ursprung und Wege der Gemeinschaft, Diaphanes 2004 (ital. 1998); 24 €

 

 Maurice Blanchot, Die uneingestandene Gemeinschaft, Matthes & Seitz 2007 (frz. 1983), 15,50 €

 

 Giorgio Agamben, Die kommende Gemeinschaft, Merve 2003 (ital. 1990); 12 €

 

Zygmunt Bauman, Gemeinschaften, Suhrkamp 2009 (engl. 2001), 12,40 €