Schleusen

 



20.03.2014 19:00h


Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien
 


Der Ausgangspunkt für Bernhard Cellas Ausstellung Schleusen in der Friedrich Kiesler Stiftung ist ein ephemerer Raum, den der Künstler in den frühen 2000er Jahren als Vehikel für verschiedene Projekte entwickelte und der sich 2004 in Paris zugleich als architekturbezogene Rauminstallation sowie als Ort sozialer Interaktion manifestierte. Inwiefern temporäre, räumliche Situationen im Rahmen einer späteren Ausstellung erlebbar bzw. erfahrbar gemacht werden können, ist eine der Fragestellungen, die Bernhard Cellas Arbeit mit dem Interesse der Friedrich Kiesler Stiftung verbindet. Denn einen wesentlichen Bestandteil der Forschungs- und Vermittlungsarbeit der Stiftung bilden die visuelle Aufarbeitung und Präsentation von Kieslers Ausstellungs- gestaltungen (u. a. „Raumstadt“ von 1925 oder „Exposition Internationale du Surréalisme“ von 1947) und temporär genutzten Galerieräumen (Peggy Guggenheims „Art of This Century“ von 1942 bis 1947).

Im Zentrum der Ausstellung Schleusen steht ein Zimmer eines fingierten Hotels, das Bernhard Cella 2004 in einem Atelier der Cité des Arts[1] in Paris installierte: Hotel Ostblick. International Hotel without Rooms im „Herzen von Paris“. Schon der Titel verweist auf einen Charakter voller Widersprüche, die beim potentiellen Gast eine Kette an Gedanken weckt: ein Hotel ohne Zimmer; ein deutscher Hotelname für ein Etablissement im Herzen der Hauptstadt Frankreichs; oder etwa die Assoziationsmöglichkeit von Ostblick mit Ostblock. Dieses Zimmer des Hotel Ostblick errichtete Cella als Raum-im-Raum mithilfe von Holzrahmen, Teppichboden, Leinwänden, Zwischentür und Türrahmen, wenigen Gebrauchsgegenständen und Möbelstücken. Es schien dem weit gereisten Gast den gewohnten Komfort zu bieten – „mineral water throughout the day“ etwa oder „generously sized beds“ – und unterschied sich auf den ersten Blick kaum von einem „gewöhnlichen“ Hotelzimmer. Es konnte als Ein- oder als Zweibettzimmer bezogen werden – Fotos auf der Hotelwebseite beschrieben die Varianten. Lediglich die Farbe der Wände, ein eigener Blauton, der sich durch das Oeuvre Bernhard Cellas zieht, und der Charm einzelner Einrichtungsgegenstände unterschieden es von einem „gewöhnlichen“ Hotelzimmer.

Das Projektes entwickelte sich zu einer delikaten Angelegenheit, denn als „Resident“, als Stipendiat der Cité des Arts, war Bernhard Cella einem rigiden Regime an Restriktionen unterworfen, die ihm ein ständiges Überschreiten bzw. Neuverhandeln von Grenzen abverlangte. So war es ihm als Künstler, der in einem der Gastateliers arbeitete, erlaubt, in seinem Atelier Gäste zu empfangen, ein Betreten des Gebäudes war jedoch nur im Beisein des Stipendiaten erlaubt. Als Betreiber des Hotels Ostblick musste der Künstler also rund um die Uhr für seine Gäste verfügbar sein. Besonders sensibel war die Situation bei der Erstankunft der Gäste, denn das Gepäck und die Gäste mussten separat und in mehreren Arbeitsschritten getrennt voneinander den Concierge passieren, damit die Vermietung unentdeckt blieb. Bernhard Cella löste dieses Problem, indem er in einer nahen Telefonzelle eine Telefonwertkarte hinterlegte, mit der ihn die Gäste erreichen konnten, worauf er sie dann vor der Cité des Arts abholen und an der Concierge vorbei in sein Atelier bzw. das „Hotelzimmer“ bringen konnte.
Das Untervermieten der Gastateliers war ausdrücklich verboten; was sich für den Künstler als „glücklicher“ Umstand erwies, den er zur Grundlage seines Handelns machte. In dieser temporär angelegten Lebenssituation in Paris musste Cella seine Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten maximal ausreizen um trotz der legalen Einschränkungen die Konstruktion des Hotelzimmers durchführen und den Betrieb aufnehmen zu können. Gleichzeitig wurde genau diese Lebens- und Arbeitssituation ebenfalls Thema der Arbeit. Daran knüpften sich für den Künstler Fragen nach der Ortsspezifizität, der Temporalität und der Performativität eines solchen Projektes.

Durch die schrittweise Illegalisierung seiner eigenen Tätigkeit konnte sich Cella letzendlich nicht nur der sozialen Realität jener illegalisierten Einwanderer, den „Sans Papiers“, annähern, sondern über den „Kunstgriff“ der Hotelvermietung buchstäbliche eine Umkehrung der Verhältnisse herbeiführen: der Künstler und seine zahlenden Gäste begaben sich in die Illegalität, während den „Sans Papiers“ das Hotelzimmer jenen sozialen Status verschaffte, der Begegnungen und Kommunikation auf Augenhöhe, also eine gewisses Maß an Normalität ermöglichte. Durch die Verkleinerung seines eigenen Lebensraumes hatte er einen neuen, anderen Raum erschlossen, der durch sein eigenes Regelsystem andere Formen von Begegnung möglich machte.

Buchen konnte man ein Zimmer im Hotel Ostblick über das Internet. Bereits vor Stipendienantritt hatte Cella eine minutiöse wie professionelle Werbekampagne mit Plakaten, Flyern und vier einminütigen Filmen produziert, die das noch nicht existierende Hotelzimmer mit Hilfe der Vermarktungsstrategien der Touristikbranche bewarben. Die Werbemittel waren bereits vorab in den Kunstbetrieb eingeschleust worden, um einen pünktlichen Start des Hotelbetriebs in Paris zu ermöglichen. Die Videoclips brechen die üblichen Erwartungen an einen Hotelbetriebs auf mehreren Ebenen. Obwohl das Setting vorerst noch den konventionellen Mustern zu folgen scheint – ein seltsam luxuriöses Interieur, Gebrauchsgegenstände aus der Hotellerie – laufen Ton, Bild und Untertitel bereits auseinander. Die „Gastgeberin,“ die in allen vier Kurzfilmen auftritt und die potentiellen Gäste adressiert, spricht zwar immer denselben französischen Text, die englischen Untertitel meinen jedoch etwas Anderes, und ihre Tätigkeit bzw. die der Mitarbeiter_innen, entfernt sich ebenso immer mehr von jener eines funktionierenden Hotelalltags. Da werden plötzlich Stickarbeiten durchgeführt, Labormäntel glattgestrichen oder Zwirnspulen eingerichtet. Das Setting der Werbevideos, das ursprünglich noch als Rezeption des Hotels Ostblick imaginiert werden konnte, erweist sich immer mehr als ein Ort voller Brüche, als ein verwirrend unwirklicher Aufenthaltsort. Das Hotel als Raum der Begegnung, wandelt sich zum Raum der Produktion, die unbestimmbar bleibt. Auch in realiter überblendete Cella sein fingiertes Hotelzimmer als Raum für Erholung und für Rekreation mit dem Atelierraum als Ort der Produktion. Dass das Atelier der Cité des Arts ein Gastatelier, und der Künstler-Hotelier selbst zu Gast war, verstärkte den hybriden Charakter noch weiter.

Hotel als auch Atelier sind in diesem Zusammenhang soziale überlappende Räume mit symbolischem Kapital; so zählt das Hotel bzw. das Hotelzimmer  nicht zu Unrecht zu einem der beliebtesten Schauplätze in Film und Literatur. Voller Widersprüche spiegelt es einerseits die Gesellschaft und erweist sich andererseits als transitorischer Zwischenraum, als Durchgangsort par excellence, als Paradebeispiel einer Foucault’schen „Heterotopie“. Der Gast im Hotelzimmer ist anonym, auf der Durchreise. Das Atelier wiederum bleibt in der Regel für die Öffentlichkeit verschlossen und wird „zum mysteriösen Ort des (potenziell subversiven) schöpferischen Aktes“ (O’Doherty, S. 8). Der Gast bzw. der Atelierbesucher wird vom Künstler eingeladen und ist als Kritiker, Kurator oder als Sammler „der erste stabilisierende Faktor“ für das Kunstwerk. Er ist das „Vorwort zum öffentlichen Blick“ (O’Doherty, S. 41).

Nach acht Wochen stellte der Künstler den „Hotelbetrieb“ ein. Cellas Arbeitsweise der modellhaften Verdichtung von Beziehungsformen hatte „ihren Anspruch“ eingelöst. Die Vorgänge hatte er mit Kamera, Fotoapparat, schriftlichen Aufzeichnungen und Notizen, die zum Teil dokumentarischen Charakter annahmen, begleitet.
Die innere Logik der Arbeit schloss eine klassische Dokumentation und anschließende Diskursivierung zum Zeitpunkt ihrer Entstehung abseits der beteiligten Personen aus, da der Künstler – im Sinne eines Ethnographen– das zu Beobachtende nicht durch den Akt der Einflussnahme durch das Beobachten verzerren wollte. Dadurch sowie durch ihre Gebundenheit an eine sehr spezifische räumliche und soziale Situation scheint sich die Arbeit auf den ersten Blick einer Ausstellbarkeit zu entziehen. In Schleusen geht es daher um den Versuch einer Übersetzung in den Ausstellungsraum, welche die Qualität der ursprünglichen Intervention kommuniziert ohne dass dabei Artefakte notwendigerweise erhalten oder reproduziert werden. Inhalte werden dabei über Formen in das Kunstfeld zurückgeschleust; die Temporalität des ursprünglichen Raumes wird zur Verschiebbarkeit umgedeutet; Grenzen erweisen sich schließlich als unabgeschlossen und manipulierbar.
Als Grundlage des Textes dienten Gespräche, die der Autor mit Bernhard Cella im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung führte. Zum Atelier vgl. Brian O’Doherty, Atelier und Galerie. Studio and Cube, Berlin (Merve Verlag) 2012.

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[1] Die Cité Internationale des Arts in Paris wurde 1957 gegründet und wird von einer französischen Stiftung getragen. Sie bietet in 300 Studios Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten. Verschiedene Länder und Institutionen erwarben Belegungsrechte und vergeben die Ateliers über Stipendien. Bernhard Cella wurde sein Atelier in der Cité im Rahmen eines Auslandsatelierstipendiums des Landes Salzburg zur Verfügung gestellt.
 

 

 

 

 

         

Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

Bernhard Cella: Schleusen, Plakat zur Ausstellung,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

 

 Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

 

 

Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

 Bernhard Cella: Schleusen, Detailansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

 Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

 Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

Silvia Eiblmayr im Gespräch mit Bernhard Cella im Rahmen der Ausstellung "Schleusen" in der Friedrich Kiesler Stiftung, Wien 04. Juni. 2014

 

 

 

 

 Bernhard Cella: Schleusen, Installationsansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

Silvia Eiblmayr im Gespräch mit Bernhard Cella im Rahmen der Ausstellung "Schleusen" in der Friedrich Kiesler Stiftung, Wien 04. Juni. 2014


 

 

 

 Bernhard Cella: Schleusen, Detailansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien

 

 

 

 

Bernhard Cella: Schleusen, Detailansicht,  2014, Friedrich Kiesler Privatstiftung Wien