Avant la Lettre

 

 




Titel: Avant la Lettre

Material: vielfarbiger Gobelin in der Technik der Jacquardweberei

Format: 16 Teile, Gesamtlänge ca. 25m x 7m; bzw. 8m x 2,20m

Motivik: Die Gobelins interpretieren Motive von Spiegelungen auf den Außenfassaden. Die lebendige Umgebung der Bibliothek wird zu einem Bestandteil ihres Innenraums.

Verwendung von Kunst- und Sonnenlicht.

Die Entwicklung dieser Bildmotive achtet gleichermaßen auf den Einsatz von Kunst und Sonnenlicht. Wie der Sonnenstand nie ganz derselbe ist, interagieren auch die Perspektiven von „Innen“ und „Außen“ in einem ständigen Verlauf feinster Übergänge miteinander. Die intensivsten Überblendungen entstehen dabei regelmäßig in Momenten der Dämmerung, mit einer ca. 30-minütigen Verlaufszeit.

Nutzung der bestehenden Raumperspektiven
Die bestehende Architektur des Foyers bietet unterschiedliche Lese- und Sichtstationen in den Aufgängen und oberen Stockwerken. Von dort aus können reizvolle Einzelperspektiven auf die Gobelins erreicht werden, weshalb sie in deren Gestaltung einbezogen wurden.

Material und Herstellung
Zur Herstellung der Gobelins wurde mercerisierte Baumwolle in 42 verschiedenen Farbtönen verwendet. 

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Bibliothek und Ihrer Funktion im 21. Jahrhundert mit den Mitteln der Kunst.

Kurz angedeutet: Im Jahr 2014 sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als sog. „Digital Natives“ im Umgang mit Textinhalten schon durchwegs an die sterile Haptik der Keyboards und Touchscreens gewöhnt.

Eine Bibliothek kann auch in ihrer Raumwirkung  zum stundenlangen Blättern in analogen Buchobjekten einladen. Eine zeitgemäße Bibliotheksästhetik wird im Blick auf diese nächste Generation eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Moment der Haptik in den ästhetischen Fokus  rücken.
Die Installation der Gobelins wertet also nicht nur die Raumwirkung des Foyers durch die Ästhetik ihrer material-vielschichtigen Stofflichkeit auf, sie stellt auch ein Widerstandsmoment der nach wie vor analogen Buchkultur inmitten einer digitalisierten Textualität dar.
 

Weitere kultur- und technikgeschichtliche Bezüge
Zur Kunst- und Technikgeschichte des Webens - Mythologie

In der nordischen Mythologie weben die sog. Nornen die Lebensfäden der Menschen und sind den Göttern übergeordnet. Die griechische Mythologie maß der Weberei eine besondere Bedeutung zu, indem die Göttin Athene als Erfinderin des Webstuhls und der Weberei den Bruch mit einem ursprünglichen Naturverständnis verkörpert, der durch das kunstvolle Zusammenfügen von Naturalien für menschliche Bedürfnisse entsteht. Pindar schließlich bezeichnete die Webkunst der Athene als Paradigma von Kunst überhaupt.

Die Weberei als solche ist von einer speziellen Verschränktheit zwischen Kunst und Technik bestimmt und steht damit gerade im 21. Jahrhundert für tieferliegende Schichten der Wechselwirkungen zwischen Künsten und Medien.

Zur Kunst- und Technikgeschichte des Gobelins:
Gobelins sind als Gegenstände zugleich Teil der Mythologie wie auch der Kunst- und Technikgeschichte. Die Kulturgeschichte des Webens reicht vom griechischen Mythos bis zum Geburtsort digitaler Künste aus der Erfindung der Lochkartenweberei. Das  Format des Gobelins erlaubt die Ausgestaltung des Foyers mit einem Schmuck- und Anschauungs-gegenstand, der von historischer Tiefe und futuristischer Aktualität zugleich erzählt. 
Eine Kulturgeschichte des Gobelins umfasst dabei so verschiedene Stationen wie die eines Zierobjekts in Königshäusern (11. Jh.) über die industrielle Lochkartenweberei (19.Jh.) bis hin zur historischen Grundlage digitaler Kunst und Technik (20.Jh.).

Materiell steht er für eine haptische Bildästhetik, die in der Kultur-geschichte Europas v.a. in der Tradition des edlen Wandschmucks steht, wie sie von Königshäusern in Auftrag gegeben wurde (vgl. etwa die Teppiche von Bayeux, um das Jahr 1080)

Jacquards industrieller Webstuhl als historisch erste Form digitaler Kunst . Etwa sieben Jahrhunderte später bedeutet J.-M. Jacquards Erfindung der Lochkarte eine zugleich kunst- wie auch technikgeschichtliche Zäsur. Die Lochkarte ermöglicht den industriell gewebten, jedoch als Einzelobjekt entworfenen Gobelin, der sich so zu einem begehrten Schmuckobjekt des aufstrebenden Bürgertums entwickelt.  

Dass um das Jahr 1800 herum Joseph-Marie Jacquard (1752-1834) die Lochkarte erfand und damit die industrielle Weberei von komplexen Mustern ermöglichte hat Bedeutung bis in die Gegenwart. Dafür wurde er nicht nur von Napoleon und anderen Zeitgenossen mit den höchsten Preisen geehrt, sondern die Erfindung stellt im Rückblick eine Vorstufe der Lochkartenprogrammierung, d.h. der ersten programmierbaren Computer dar.
Das zentrale Prinzip der frühen Informationsverarbeitung mittels Lochkarten entstand also aus einem Kunsthandwerk, dem der Seidenweberei. Die ersten Bilder, die von ihrem Bildkörper abgelöst wurden, um als Bildcode weiterverarbeitet zu werden, waren demnach Gewebsmuster. Der Bildcode bestand damals aus einem Stapel gelochter Karten für die Verwendung im Steuerungsmechanismus eines Webstuhls. Damals war er noch „begreifbar“, das Bild, das aus dem Stapel dieser Karten entstand, war nach wie vor ein textil-taktiles Produkt.
Die Weberei brachte von Beginn an gerasterte Muster und Bilder hervor, die heute als Pixelbilder der gängige Weg geworden sind, um Bilder zu digitalisieren. Der künstlerischen Produktion von Originalen steht heute das Fortleben ihrer Schöpfungen in Medien gegenüber.
Im heutigen Rückblick auf die Computerentwicklung in der Mitte des 20. Jahrhunderts bildet Jacquards Lochkarte den Ausgangspunkt für die erste Verwendung des binären Entweder/Oder-Prinzips.

Fazit:
Die Gobelins in der Salzburger Bibliothek sind demnach mehrfach codierte Objekte, deren kultur- und technikgeschichtlichen Bezüge das Potential besitzen, eigens dargestellt zu werden.

         

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Material: vielfarbiger Gobelin in der Technik der Jacquardweberei, 

Format: 16 Teile, Gesamtlänge ca. 25m x 7m, Salzburg 2015

 

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Material: vielfarbiger Gobelin in der Technik der Jacquardweberei, 

Format: 16 Teile, Gesamtlänge ca. 25m x 7m, Salzburg 2015

 

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Detailansicht Spiegelung, Salzburg 2015

 

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Detailaufnahme Spiegelung, Salzburg 2015

 

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Detailansicht Spiegelung, Salzburg 2015

 

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Detailansicht Spiegelung, Salzburg 2015

 

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Installationsansicht, Gobelin in Jaquardtechnik, Format 25m x 7m, Salzburg 2015
 


Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Installationsansicht, Gobelin in Jaquardtechnik, Format 8 m x 2,5 m, Salzburg 2015

 

 

Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Detailansicht Spiegelung, Salzburg 2015

 

 Bernhard Cella: "Avant la Lettre"  Detailansicht Spiegelung, Salzburg 2015