ich will wissen wie ihr wohnt

 

ICH WILL WISSEN WIE IHR WOHNT
BERNHARD CELLA
1.3. - 25.5.2014

Kunstverein in Hamburg
Klosterwall 23
20095 Hamburg

Bernhard Cella macht einfach nur das, was er immer macht, er überführt ein dramaturgisches Konzept in einen bildhauerischen Prozess. Doch was passiert, wenn ein Künstler den institutionellen Ort Kunstverein besetzt, diesen zu seinem Arbeitsraum umdefiniert, weitere Künstler einlädt und damit in gewisser Weise die kuratorische Position besetzt?

 In seinem Beitrag für den Kunstverein in Hamburg verwandelt der Wiener Künstler Bernhard Cella (*1969) die untere Etage in ein begehbares Atelier, in einen Ort der Produktion. In Hamburg reagiert er mit seinem Projekt "ich will wissen wie ihr wohnt" auf die Frage nach der gegenwärtigen Rolle eines Kunstvereins – befindet sich dieser ja derzeit in einer Phase der Neuaufstellung.

 Im Prozess seiner Arbeit wird Cella den Fokus auf die Ausgestaltung in Form eines Reliefs legen. Bildhauerische Praxis und inhaltlicher Ausdruck gehen dabei Hand in Hand und werden als gleiche und eigenständige Komponenten verstanden. Cella lädt Hamburger Künstlerinnen und Künstler ein, interviewt sie, nimmt Abdrücke von ihnen und will wissen, wie sie wohnen und wie sie ihr Tun reflektieren. Darüber hinaus ist aber auch dieses Vorgehen selbst ein bildhauerischer Prozess, der sowohl analoge wie digitale Techniken der Reproduktion verwendet.

Das Abgießen einer dreidimensionalen Form ist eine frühe Reproduktionstechnik insbesondere für die kulturellen Artefakte in Museen, Kunstakademien und Künstlerateliers, denen ein besonderer Wert beigemessen wurde. Die Technik kommt aus der Gründerzeit, in der auch der Kunstverein in Hamburg sich formierte, und verschwand erst mit dem Aufkommen der Fotografie. In der Aktualisierung des Verfahrens wird der Künstler selbst zum Ausgangsmaterial.

 

Von der Kurve, die auszog, eine Gerade zu werden

Über zwei Stufen auf einen Steg, der durch die Türe und tief in den Raum hinein führt, hinter der Türe bewegungslos begleitet von einer langen, monumentalen Schrankwand, deren Berührung mit dem Boden durch einen dünnen Lichtschlitz aufgehoben scheint, während sich auf der anderen Seite des Stegs eine gerade gebogene Steilkurve aus Holzbrettern an die Wand des Raumes lehnt, so als wollte sie die Vorwärtsbewegung der Besucher auf dem Laufsteg beschleunigen. Die Steilkurvengerade wirkt wie ein Keil, der den Abstand des Stegs zur Wand sichert und das unter dem Steg austretende Licht wie eine Brandung vor der Wand schützt. Am Ende der Schrankwand zwei weitere Stufen, die wieder auf Normalnull hinunterführen und, nach einem U-Turn, den Raum jenseits der Schrankwand freigeben, der von einer großen, rechteckigen Bühne dominiert wird. Wie Gischt zwängt sich das unter der Bühne verstaute Licht in den Raum und hebt den Eindruck eines Raumschiffs, das hier gelandet ist. Woher kommt es, wohin geht es und, vor allem, was macht es hier (in einem Kunstverein, der sich, nach eigener Auskunft im dazugehörigen Pressetext, „derzeit in einer Phase der Neuaufstellung“ befindet)? Auf dem bühnenartigen Plateau geistern Personen über die Oberfläche von Monitoren, die in Kisten lagern und extrem verlangsamte Nahaufnahmen von sich übertragen. Sie senden aus entfernt gelegenen Räumen und zeigen mit weißer Farbe pastos überzogene Körperteile wie Wunden eines versehrten Körpers. Verteilt auf den Kisten, dem Boden des Plateaus sowie in dem rasterförmig unterteilten Schrank, lagern ihre getrockneten Körperteile, die von heruntergedimmten Scheinwerfern auf das Niveau wertvoller, photophobischer Artefakte gehoben werden. Die weitere Anwesenheit der zur Herstellung der Gipsabgüsse verwendeten Materialien und Werkzeuge sowie die Spuren der Arbeit vervollständigen das Bild eines verlassenen Ortes, den es nur noch als Bühne inklusive Requisiten gibt. Zuletzt unterstreichen über den Boden des Plateaus verteilte Inschriften die Vergangenheit der Aufführung und liefern die semantischen Indizien ihrer Herkunft.
Bernhard Cella hat mit dieser Installation eine dystopische Plattform für den in der zeitgenössischen Kunst umgehenden Geist namens Partizipation geschaffen. Der über den Catwalk laufende Besucher erfindet sich als ruhmwürdiges Subjekt, als ein gleichgestellter Mitspieler im künstlerischen Abtasten von Beobachten und Beobachtet-Werden und also als ein immanentes Teil des künstlerischen Produkts. Der unvorhergesehene Gewinn, als ein aktives, wenn nicht eigentliches Teil des künstlerischen Prozesses hervorzugehen, wird auf der anschließenden Bühne bereits wieder verspielt, wo nicht nur andere Protagonisten auftauchen, sondern diese Protagonisten auch noch abwesend sind, anwesend nur auf den Bildschirmen der TV-Geräte. Sie reichen den Besuchern die Hand, als wollten sie die Komplizenschaft nur andeuten in Form reproduzierter Körperteile und diese Prothesen als Antithesen einer künstlerischen Praxis vorstellen, die die freiwillige Unterwerfung unter das unterhalterische Diktum wie einen roten Teppich ausrollt. Die Tatsache, dass es sich bei den „Akteuren“ auf der Bühne um lokal ansässige Kolleginnen und Kollegen des Künstlers Bernhard Cella handelt, spitzt zwar die künstlerische Autorität zu, gegen die sich die Partizipation in Stellung gebracht hat, macht aber gleichzeitig auch den Konflikt benennbar, den eine vermeintliche Liberalisierung auf dem Niveau des Mitmachens nicht erst neuerdings ernährt. Der auf der Steilkurvengerade beschleunigte Kunstbesuch wird von der startbereiten Unterbodenbeleuchtung des Raumschiffs von der Bühne abgelenkt und an der abgerundeten letzten Ecke des Raums wie eine Flipperkugel gen Ausgang befördert.
Cella konfrontiert die Bewegung des Betrachters mit dem Widerstand des künstlerischen Werks. Wer sich die Zeit nimmt, auf die Bühne zu treten, liest zu seinen Füßen kurze Sätze im Stile von Argumenten, Dogmen, Zitaten, die ähnlich wie die Prothesen lose und fragmentarisch im Raum verteilt sind. „Das 21. Jahrhundert“, so heißt es an einer Stelle, „wird erfüllt sein von der Leidenschaft von der Kopie.“ An anderer Stelle steht geschrieben: „Abgipsen ist ein verlangsamter Kopierprozess.“ Und wieder woanders liest man: „Das Abgießen einer dreidimensionalen Form ist eine frühe Reproduktionstechnik für die kulturellen Artefakte in Museen, Kunstakademien und Künstlerateliers.“ Zusammengenommen wiedergeben diese drei Sätze eine Genealogie des Bildes, genauer des Abbildes, das es so schon längst nicht mehr gibt, es sei denn als Kopie oder Simulacrum. Gerade partizipatorische Ansätze können vielfach als Kopien sozialer Aktivitäten betrachtet werden, als ein Hineinkopieren der sozialen Realität in den Bereich der Kunst. Statt mit Distanz zu den Kunstwerken wähnt sich die/der Besucher/in in eine partizipatorische Arbeit eingeschlossen. Sie oder er bringt das Kunstwerk überhaupt erst zum Leben, und darum, um das faktische So-Sein, geht es der partizipatorischen Arbeit, um die Erlösung des Betrachters aus dem Dornröschenschlaf, in den ihn das moderne Märchen von den fünf Sinnen hineingeschaukelt hat. Die partizipatorische Sache buhlt nicht um ein geteiltes Verstehen, sondern um ein geteiltes Erleben, und sie buhlt nicht selten mit einem konsumierbaren Produkt, das der Wirkung eines Energy-Drinks weit mehr entspricht als der einer kontemplativen Tee-Zeremonie. In der Installation von Bernhard Cella schlagen beide Herzen, sie positioniert die Inklusion auf der gleichen Ebene wie die Exklusion. Die den IKEA-Stil aufnehmende Anrede in der mit „Ich will wissen wie ihr wohnt“ betitelten Arbeit gilt allerdings nicht dem Publikum, sondern den 45 Künstlerinnen und Künstlern, die Cella in Hamburg besucht hat, um diese Arbeit zu entwickeln. Aus dieser Zusammenarbeit sind die Porträtfilme und die Gipsfragmente hervorgegangen, die in der Installation eine Stellvertreterfunktion einnehmen, aber auch künstlerisches Material sind, mit dem die Anwesenheit des Abwesenden thematisiert wird. Was Bühne war, verwandelt sich in ein Atelier, in dem die Arbeit an der Installation stattfindet, um sich der Form eines Produkts von Arbeit entsprechend wieder in eine Bühne zu verwandeln.
Mit der Gegenüberstellung von Bühne und Atelier attackiert Cella den im Nebel der spektakulär schnell drehenden Reifen der Partizipation invisibilisierten Pakt der ehemaligen Kontrahenten. Die Situation, die Cella mit seinem Hybrid schafft, winkt weder mit dem weißen Taschentuch des Auf-Wiedersehens noch mit der weißen Flagge der Kapitulation. Sein Atelier ist das der anderen (KünstlerInnen), und seine Bühne ist die der anderen (Kunstinstitutionen). In der Zusammenführung der beiden Kontrahenten Bühne und Atelier reißt sich Cella den Zauberstab der Partizipation unter den Nagel, nur um zu zeigen, dass jeder Moment eine Vergangenheit und eine Zukunft in sich trägt, dass es bei diesem Sprachspiel auch darum geht, die Verwandlung zu entzaubern und die Prozesse sichtbar zu machen, die eine Arbeit resp. Werk in sich tragen. Denn es sind auch Prozesse, die zu einer Verwandlung führen und die aus einem Atelier eine Bühne machen. Im Kern hält die Partizipation genau diese Prozesse bereit, die Cella in einem installativ-performativen Gleichgewicht präsentiert: die Übertragung aus den künstlerischen Produktionsstätten, das fragmentarische Ensemble künstlerischer Arbeiten, die ereignishafte Begegnung zwischen Kunst und ihres Konsums sowie die Transparenz der gesamten Aktion.

 

         

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Gipsabguß, Modell Christoph Schäfer, Hamburger Kunstverein, 2014

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Gipsabguß, Modell Christoph Schäfer, Hamburger Kunstverein, 2014

 

 

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Gipsabguß, Modell Christoph Schäfer, Hamburger Kunstverein, 2014

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Gipsabguß, Modell Christoph Schäfer, Hamburger Kunstverein, 2014

 

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

 

 

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014

Bernhard Cella: "ich will wissen wie ihr wohnt", Installationsansicht, Hamburger Kunstverein, 2014