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Asia City Strangers

Joachim Brohm und Miriam Paeslack
Fotohof edition 2006, Band 73
Der Katalog „Asia City Strangers“, welcher anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Kunsthof erschien (15.09.06 - 04.11.06), thematisiert anhand von fünf aktuellen fotografischen Positionen den Raum asiatischer Metropolen. Die weit verbreitete Vorstellung von Asien als widersprüchlich kulturellem Raum, einerseits der Tradition verpflichtet, andererseits ein Anführer technologischen Fortschritts, wird einer individuellen künstlerischen Erfahrung ausgesetzt. Für die europäische Perspektive oszillieren diese Orte „zwischen der Fremdheit einer exotisch wirkenden Kultur und der Vertrautheit einer hoch entwickelten Industriegesellschaft“ (Bettina Lockemann, „Das Fremde Sehen“). Die fünf KünstlerInnen haben zwischen 1996 und 2006 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig/ Academy of Visual Arts bei Joachim Brohm ihr Studium abgeschlossen und arbeiten freischaffend. Die gezeigten Arbeiten sind unabhängig voneinander in den letzten beiden Jahren entstanden.

Mit Fotografien von Andreas Böhmig, Nicola Meitzner, Elisabeth Neudörfl,Valentina Seidel und Heidi Specker; zusammengestellt von Joachim Brohm

Die fünf fotografischen Arbeiten haben gemeinsam, dass sie sich nicht mit dem Fragmentierten, den flüchtigen Eindrücken einer Großdtadt beschäftigen, sondern den Moment der Verlangsamung, der Fokussierung und Neuordnung im Sinne dokumentarisch orientierter, fotografischer Konzepte in den Vordergrund stellen. Miriam Paeslack geht in dem Katalogtext intensiver auf die Thematik des „third space“, des dritten Raumes ein, welcher der gemeinsame Handlungsort der fünf Positionen ist. „Third space“ als eigener, hier künstlerischer- Handlungsraum zu verstehen ist, der neue, noch undefinierte Möglichkeiten der Auseinandersetzung und Selbstwahrnehmung liefert: „Der dritte Raum der in den Arbeiten, im Ausstellungsraum und schließlich in unseren Köpfen entsteht, ist stets neu zu bestimmen.“ (Miriam Paeslack, „Asia City Strangers“)

Heidi Speckers Arbeiten entziehen sich jeglicher zeitlicher Zuordnung. Bei ihren in Bangkok „gefundenen“ Motiven spricht sie von „Begegnungen“. Sie konzentriert sich auf den Moment und hat sie ihr Motiv gefunden, so trennt sie sich von allem was es umgibt. Die Reduzierung auf die Zweidimensionalität der Fläche entbindet das Bild völlig von erzählerischen Momenten. Das Ergebnis sind collagenhafte Bildwände, bestehend aus kleinformatigen, leicht rosé-gefärbten Bildern. In ihren Arbeiten befragt Specker das Verhältnis zwischen Konstruktion und Dekonstruktion sowohl im Prozess der Bildfindung als auch in dem der Rezeption. Nicola Meitzner teilt das Stadtbild in Mensch und Raum. Die ausschnitthaft komprimierten, artifiziell wirkenden Stadträume Tokios werden ergänzt durch „close-up“ Porträts von den sich dort bewegenden Menschen, und zwar im gleichen Bildformat. In ihrer Verbindung bilden diese beiden Bildtypen, Mensch und Stadt, „das „Yin“ und „Yang“ des Urbanen an sich“ (Miriam Paeslack, „Asia City Strangers“). Indem der Anteil der Stadtansichten in Meitzners vielteiligem Bildraster höher ist als der der Porträts „wird insgesamt ein Gefühl von Ausgewogenheit von Mensch und Stadt geschaffen, da die bewusste visuelle Erfassung von Porträts höher ist als die der Stadtbilder“ (Miriam Paeslack, „Asia City Strangers“). Meitzner thematisiert in ihrer Arbeit „forward motion“ den Bereich zwischen „Lebendigkeit und Chaos, zwischen Kontrolle und gesellschaftlicher Regel und weist dabei weit über die Grenzen Singapurs hinaus“ (Miriam Paeslack, „Asia City Strangers“).

Valentina Seidel zeigt in dieser Ausstellung ausschließlich Portraits asiatischer Künstler. Sie bezieht die portraitierten Künstler bei der Entstehung der Portraits intensiv mit ein. In der kollaborativ ausgerichteten Arbeit „exchange“ überlässt sie die Wahl des Aufnahmeortes, die Haltung und sogar die Wahl des Bildausschnittes in erster Linien den Portraitierten und gibt somit die Regie für ihre Bilder aus den Händen. Diese „erweiterten Portraits“ führen zu einer bewussten Verbindung von portraitierter Person und städtischer Situation. Sie streben möglicherweise nach einer Auskunft, einer Art Erkenntnis über das „Menschsein in der Stadt“. Elisabeth Neudörfls Fotografien entstanden in einem Bezirk von Bangkok, der Hauptanziehungspunkt für den westlichen Sextourismus ist. In ihren Bildern verzichtet sie mit Absicht vollkommen auf die Darstellung von Menschen. Die im nüchternen Tageslicht und mit Blick nach oben abgebildeten, ausufernden Vorrichtungen der Leuchtreklamen im Amüsierviertel entlarven durch die Art ihrer Darstellung: „Im nicht Gezeigten ihrer Schwarz-weiß Fotografien, dieser Dokumente „akribischer Neugier“ legt sie (Neudörfl) den Subtext des Ortes/Raumes bloß.“ (Miriam Paeslack, „Asia City Strangers“) Andreas Böhmig dokumentiert in seinen Fotografien die öffentlich zelebrierte Selbstdarstellung der radikal-fundamentalistischen Hindu Bewegung der „RSS“ in Mumbai/Indien. Durch morgentliche, appell-artige Rituale wird öffentlicher Raum temporär besetzt und das Stadtbild tagtäglich geprägt. Die „RSS“ kämpft für den Hindunationalismus und versucht durch diese Rituale ihren Machtanspruch öffentlich zu verankern. In den Bildern kommt Ordnung, als auch absolute Kontrolle zum Ausdruck, „das Individuum löst sich in der Masse auf, verschwindet angesichts eines „höheren“ Prinzips“ (Miriam Paeslack, „Asia City Strangers“). Böhmigs farbige und präzise Fotografien sind eindrückliche Belege der politischen Instrumentalisierung von städtischem Raum.